… über uns die Dächer von Rom

Leseprobe

… »Noah«, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein, während mir Tränen über die Wangen strömten. Etwa zwei Jahre waren nun vergangen, seitdem ich zum letzten Mal in sein aschfahles, lebloses Gesicht geblickt und mit den Fingerspitzen seine kalte Haut berührt hatte. Seither begegneten wir uns in vielen Nächten in meinen Träumen. Die Träume endeten immer gleich. Ich hielt Noah an den Händen, während er am Abhang eines Felsens hing. Auf seinem Gesicht zeichnete sich keine Angst ab, ganz im Gegenteil, er lächelte und flüsterte mir zu, ich solle ihn loslassen, es sei okay, doch ich konnte nicht. …

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… Unfassbar, ich fuhr tatsächlich mitten durch Rom. Bei dem Anblick einiger berühmter Sehenswürdigkeiten klopfte mein Herz schneller. Ich konnte es kaum erwarten, durch die alten Gassen zu schlendern und mir all die Gebäude anzusehen, die bereits seit Jahrhunderten hier standen. Rom war wohl einer der geschichtsträchtigsten Orte dieser Welt – mal ganz abgesehen von typisch italienischen Köstlichkeiten wie Pizza, Nudeln und Cappuccino. Etwas später erreichten wir Trastevere. Ich entschied mich einen kurzen Augenblick im Schatten der riesigen Platanen zu verweilen, deren Äste teilweise bis in den Tiber reichten. Ich atmete tief ein und nahm den Duft der Stadt in mich auf. Von hier aus hatte ich einen wunderbaren Blick auf die kleine Insel Isola Tiberina, die direkt im Flussbett lag und über zwei Brücken erreichbar war. …

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… Mein Weg führte mich weiter zur ovalen Piazza Navona mit ihren drei Brunnen, umgeben von Palästen, Kirchen sowie kleinen Lokalen, in denen man gemütlich sitzen und dem Treiben der Leute zusehen konnte. Hier begegnete man nicht nur vielen Touristen, sondern ebenso Händlern, die ihre Ware auf dem Arm trugen, um sie zu verkaufen. Einige Künstler hatten ihre Staffeleien aufgebaut, um Bilder anzubieten oder Touristen zu malen. In der Mitte der Piazza ragte einer der bekanntesten Brunnen Roms in die Höhe: Berninis prachtvoller Vierströmebrunnen, dessen Anblick mir förmlich den Atem verschlug. Aus einem Wasserbecken ragten Felsen und ein Obelisk empor, umringt von Tieren, Pflanzen und vier Männerstatuen aus Stein, die laut Reiseführer die Flüsse Nil, Ganges, Donau und Río de la Plata darstellen sollten. Auf den Statuen saßen überall Tauben, die mir zusätzlich als Motiv für die Kamera dienten. …

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… Rom war bekannt für seine etwa tausend Kirchen. Ehrfürchtig bewunderte ich die Architektur sowie die Malereien und Skulpturen. Ich schaute hinauf und entdeckte einen jungen Mann, der sich an den Kunstwerken im oberen Bereich einer Wand zu schaffen machte. Anscheinend war er mit Restaurationsarbeiten beschäftigt. Gerade als ich entschieden hatte, weiterzugehen, fiel etwas mit rasender Geschwindigkeit von oben direkt an meinem Gesicht vorbei vor meine Füße. Vor Schreck zuckte ich zusammen und schrie auf. Über mir hörte ich den Mann auf Italienisch fluchen. Ich hielt den Atem an, denn das, was ich dann sah, konnte unmöglich wahr sein. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, und mir wurde schwindelig. Die Ähnlichkeit zu Noah, die ich im Gesicht des jungen Mannes ausmachen konnte, war verblüffend. Er schaute mich mit großen Augen an und kletterte das Gerüst herunter. Unfähig, klar zu denken, wandte ich mich um und eilte davon. …

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… Die untergehende Sonne tauchte die Piazza del Popolo in ein warmes, weiches Licht. Ein paar Jugendliche saßen auf den Stufen des Löwenbrunnens und hörten dem Mann zu, der davor Gitarre spielte.
»So, es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen, bella Sofia. Morgen sehen wir uns wieder. Ich hole dich um zehn ab, wenn das in Ordnung ist.«
Was für eine Frage, ich konnte es schon jetzt kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Am liebsten wäre ich mit ihm gegangen, um einfach nur in seiner Nähe zu sein. Anstatt ihm jedoch genau das zu sagen, erwiderte ich: »Ja, klar, perfekte Zeit, ich freue mich.«
»Na, davon gehe ich doch stark aus«, gab er zurück und zwinkerte mir zu. »Ich werde dir morgen mein Rom zeigen. Du wirst so begeistert sein, dass du nie wieder fortwillst.« …

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»Du erzählst nicht gern von dir, oder?«, hakte ich nach und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
»Nun, es gibt nicht viel über mich zu sagen. Ich bin ein ganz normaler Typ wie jeder andere auch, nur dass ich beauftragt werde und keinen festen Job habe, das ist alles. Der Vorteil daran: Ich bin völlig flexibel in meiner Tagesgestaltung und darf jungen hübschen Signorine meine Stadt zeigen.«
»Bist du eigentlich immer so zu Frauen?«, fragte ich neugierig und natürlich ganz uneigennützig.
Er zog eine Augenbraue hoch. »Was soll ich dir sagen, Sofia, ich bin …«
Weiter kam er nicht, denn ich vervollständigte den Satz: »Ja, ich weiß … Italiener.«
Er lachte laut auf und runzelte dann mit gespielter Empörung die Stirn. »Sì, sì, genau, woher weißt du das nur?«
»Tja, weibliche Intuition, würde ich sagen.«
»Die Worte kommen mir irgendwie bekannt vor. Ich erinnere mich daran, dass mein Großvater mich genau davor gewarnt hat. Er meinte, das sei Hexenwerk.« Adrianos Blick verdüsterte sich.
»Nicht dein Ernst, oder?«, hakte ich nach.
Er lachte. »Nein!«
Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto öfter fragte ich mich, welcher Mensch sich wohl hinter der Fassade dieses umwerfenden Italieners verbarg. Ich würde es irgendwann herausfinden, ganz sicher! …

Weitere bisher veröffentlichte Bücher:

… als der Himmel uns berührte„,
… und über uns der Himmel von Peru„,
Liebe in der Toskana“ und „Für IMMER und DU“ – die ergreifende Geschichte von Anastasia geht weiter…
und „Mein Weg zurück zu dir